Das Hashtag-Gesetz – für mehr Ordnung im deutschen Zeichensatz

Ein einzelnes # ist kein Hashtag. Eigentlich eine einfache Sache. Trotzdem scheint es Zeit für ein Gesetz zur Wiederherstellung der begrifflichen Ordnung im deutschen Zeichensatz.

Es gibt Missstände, über die eine Gesellschaft nicht länger schweigen darf.

Steigende Mieten. Marode Infrastruktur. Faxgeräte in deutschen Behörden. Und Menschen, die ein einzelnes # als „Hashtag“ bezeichnen.

Letzteres mag auf den ersten Blick nach einer Petitesse aussehen. Nach einem jener Probleme, die vor allem Männer jenseits der 40 beschäftigen, während sie gleichzeitig erklären, dass früher nicht alles besser, aber manches immerhin eindeutig benannt war.

Doch irgendwo muss eine wehrhafte Gesellschaft Grenzen ziehen.

Das Problem

Ein Hashtag ist eine Kombination aus dem Zeichen # und einem dahinterstehenden Schlagwort.

Also beispielsweise:

#Klimawandel

#Montag

#IchHabeKeineAhnungAberEineMeinung

Das einzelne Zeichen # hingegen ist kein Hashtag.

Es ist ein Hash-Zeichen. Eine Raute. Ein Doppelkreuz. Je nach Kontext mag man sich über die genaue Bezeichnung streiten. Darüber können sich Linguisten, Informatiker und Menschen, die noch Bedienungsanleitungen lesen, bei einem Glas Wein verständigen.

Was es aber ganz eindeutig nicht ist: ein Hashtag.

Und trotzdem hört man mittlerweile Sätze wie:

„Mach da vorne einen Hashtag hin, dann ist die Zeile auskommentiert.“

Nein.

Du setzt dort keinen Hashtag hin.

Du setzt ein # hin.

# Das ist ein Kommentar ist ungefähr so sehr ein Hashtag wie eine einzelne Klammer ein mathematischer Term ist.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Ursache dürfte vergleichsweise einfach sein.

Eine ganze Generation lernte das Zeichen # nicht durch Programmiersprachen, Telefontastaturen oder die ehrwürdige Aufforderung

„Drücken Sie anschließend die Rautetaste.“

kennen.

Sie lernte es durch Twitter, Instagram und später TikTok kennen.

Dort stand das Zeichen praktisch immer vor irgendeinem Schlagwort. Also wurde aus dem Zeichen, das einen Hashtag einleitet, irgendwann kurzerhand „der Hashtag“.

Das ist sprachlich nachvollziehbar.

Es ist trotzdem falsch.

Auch ein Lenkrad wird schließlich nicht zum Auto, nur weil viele Menschen zum ersten Mal eines in einem Auto gesehen haben.

Noch nicht.

Der Gesetzgeber muss handeln

Da Appelle an Vernunft und sprachliche Präzision bekanntlich nur begrenzt wirken, bleibt letztlich nur das schärfste Schwert eines funktionierenden Rechtsstaates:

ein neues Gesetz.

Ich schlage daher das

Gesetz zur Wiederherstellung der begrifflichen Ordnung im Umgang mit Doppelkreuzzeichen (HashtagG)

vor.

§ 1 Begriffsbestimmungen

(1) Das Zeichen # ist ein Hash-Zeichen.

(2) Ein Hashtag liegt nur vor, wenn dem Hash-Zeichen unmittelbar eine zur thematischen Kennzeichnung geeignete Zeichenfolge folgt.

(3) #Urlaub ist ein Hashtag.

(4) # ist keiner.

Eigentlich könnte das Gesetz an dieser Stelle bereits enden. Erfahrungsgemäß benötigt deutsche Gesetzgebung jedoch mindestens noch Zuständigkeiten, Ausnahmen und ein Bußgeldverfahren.

§ 2 Missbräuchliche Verwendung

Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig ein einzelnes # als „Hashtag“ bezeichnet.

Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn die Tat im Zusammenhang mit Quellcode begangen wird.

Beispiel:

„Setz vor die Zeile einen Hashtag.“

Hier ist unverzüglich einzuschreiten.

§ 3 Sanktionen

Bei erstmaligem Verstoß erfolgt eine mündliche Belehrung.

Beim zweiten Verstoß ist der Betroffene verpflichtet, dreimal den Satz

„Ein Hash ist kein Hashtag.“

handschriftlich niederzulegen.

Im Wiederholungsfall kann die zuständige Behörde einen zweistündigen Einführungskurs in Markdown, Python oder Shell-Scripting anordnen.

Bei besonderer Uneinsichtigkeit darf zusätzlich für bis zu vier Wochen die Autokorrektur deaktiviert werden.

§ 4 Jugendprivileg

Von einer Sanktion kann abgesehen werden, wenn die betroffene Person das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat und glaubhaft macht, das Zeichen # erstmals auf Instagram oder TikTok wahrgenommen zu haben.

Die Behörde soll in diesem Fall pädagogisch einwirken.

Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass Computer bereits existierten, bevor Influencer erfunden wurden.

§ 5 Härtefallregelung

Personen, die vor 1990 geboren wurden und das Zeichen weiterhin als „Raute“ bezeichnen, genießen Bestandsschutz.

Niemand soll gezwungen werden, „Hash“ zu sagen, der noch erlebt hat, wie man Telefone mit einer Wählscheibe bediente.

Der Rechtsfrieden verlangt gelegentlich Kompromisse.

Ein kleiner Schritt für den Gesetzgeber

Natürlich wird nun wieder jemand einwenden, der Staat habe Wichtigeres zu tun.

Das mag sein.

Andererseits werden in Deutschland jedes Jahr sehr viele Seiten Gesetzestext für Dinge produziert, deren gesellschaftlicher Nutzen auch nicht auf Anhieb ins Auge springt. Da dürften ein paar Paragraphen zur Rettung des # vor begrifflicher Verwahrlosung noch irgendwo hineinpassen.

Und falls wir an dieser Stelle nicht einschreiten: Wo soll das enden?

Wird irgendwann das @ zum „E-Mail-Zeichen“?

Heißt / künftig „Internetstrich“?

Und wann erklärt mir der erste junge Mensch, ich müsse zum Speichern „auf das Disketten-Emoji klicken“?

Man muss nicht jede sprachliche Entwicklung widerstandslos hinnehmen.

Manche Hügel sind es wert, auf ihnen zu sterben.

Dieser hier ist ungefähr sechs Millimeter hoch und sieht aus wie #.

Aber es geht ums Prinzip.


An dieser Stelle verlassen wir kurz den Boden sachlicher Auseinandersetzung.

Gernot-Hassknecht-Modus: AN

Und jetzt mal ganz im Ernst: WAS IST DENN DARAN SO SCHWER?! # IST EIN ZEICHEN! #URLAUB IST EIN HASHTAG! DAS SIND ZWEI VERSCHIEDENE DINGE! Wenn mir noch EINER erzählt, ich müsse „vor die Codezeile einen Hashtag setzen“, dann kommentiere ich nicht die Zeile aus, sondern DEN GANZEN RECHNER! MIT EINEM HAMMER! Was kommt als Nächstes? Das @ heißt „E-Mail-Dings“? Der Backslash ist ein „Windows-Strich“? Das Semikolon ein „Programmierpunkt“? HABT IHR DEN VERSTAND VERLOREN?!

Und dann stehen sie da, diese begrifflich völlig enthemmten Arschkrampen, tippen # und sagen allen Ernstes „Hashtag“. NEIN! NEIN, VERDAMMT NOCH MAL! EIN HASHTAG BRAUCHT EINEN TAG! DAS STEHT SOGAR IM WORT! HASH. TAG. Zwei Bestandteile! Wenn ihr schon englische Begriffe benutzt, dann nehmt euch wenigstens die drei Sekunden Zeit, sie zu verstehen! Und bis dahin gilt: Wer ein einzelnes # Hashtag nennt, bekommt das WLAN entzogen, das Smartphone durch ein Nokia 3210 ersetzt und darf vier Wochen lang nur noch über eine Wählscheibe kommunizieren.

Irgendwo ist Schluss.

So will es das Gesetz.

Gernot-Hassknecht-Modus: AUS

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