Deutschland hat zu hohe Strompreise. Darüber muss man nicht lange streiten.
Interessanter wird es bei der Frage, was dagegen helfen soll.
Bundeskanzler Friedrich Merz will das Energieangebot vergrößern und setzt dabei unter anderem auf neue Gaskraftwerke. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant zusätzliche gesicherte Kraftwerksleistung und langfristige Gaslieferverträge. Und die AfD Sachsen-Anhalt formuliert es in ihrem Regierungsprogramm gleich ganz unverblümt: Moderne Gaskraftwerke seien geeignet, den Strompreis zu senken.
Auf das Thema gebracht hat mich ein Artikel von Maurice Höfgen: „Warum mehr Gaskraftwerke den Strompreis nicht automatisch senken“. Höfgen schreibt regelmäßig hervorragende Analysen, und sein Newsletter ist jeden Cent wert – eine Empfehlung zum Abo kann ich deshalb durchaus aussprechen. Für diesen Artikel habe ich mir die zugänglichen Zahlen und Originalquellen zusätzlich selbst angesehen.
Und dabei drängt sich eine ziemlich naheliegende Frage auf:
Mal unter uns: Wenn wir Strom billiger machen wollen – warum wollen wir dann ausgerechnet stärker auf einen Brennstoff setzen, den wir teuer importieren müssen, dessen Weltmarktpreis wir kaum beeinflussen können und der den europäischen Strompreis regelmäßig nach oben zieht?
Denn während über angeblich ausufernde Kosten der Energiewende gesprochen wird, gerät eine ausgesprochen banale Tatsache gerne aus dem Blick:
Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Gaslieferanten schon.
Die günstigsten neuen Kraftwerke stehen längst fest
Beginnen wir nicht mit Ideologie, sondern mit den Erzeugungskosten.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme hat die Stromgestehungskosten verschiedener Technologien für Deutschland verglichen. Die Studie berücksichtigt dabei unter anderem Investitionskosten, Finanzierung, Betrieb und Brennstoffkosten. Für neue Anlagen ergibt sich ein ziemlich eindeutiges Bild:
Photovoltaik-Freiflächenanlagen und Windkraft an Land gehören mit Stromgestehungskosten von rund 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde zu den günstigsten Möglichkeiten, heute neue Stromerzeugung aufzubauen.
Zum Vergleich: Für neue Erdgas-Kraftwerke weist Fraunhofer je nach Kraftwerkstyp und Annahmen deutlich höhere Kosten aus. Bei Gasturbinenkraftwerken liegen die Stromgestehungskosten in der Studie ungefähr im Bereich von 10,9 bis 18,1 Cent pro Kilowattstunde, bei Gas-und-Dampf-Kraftwerken bei etwa 10,1 bis 18,3 Cent. Die genaue Höhe hängt vor allem vom Gaspreis, den CO₂-Kosten und der Auslastung ab.
Und selbst Photovoltaik in Verbindung mit Batteriespeichern kann inzwischen günstiger Strom erzeugen als neue konventionelle Kraftwerke.
Quelle: Fraunhofer ISE – Stromgestehungskosten erneuerbare Energien und Fraunhofer ISE – Photovoltaik mit Batteriespeicher günstiger als konventionelle Kraftwerke
Das ist keine Studie von Greenpeace, den Grünen oder der Internationalen Vereinigung zur mutwilligen Verschandelung deutscher Mittelgebirge.
Das ist Fraunhofer.
Natürlich haben solche Stromgestehungskosten eine Grenze: Sie sagen noch nicht, was ein komplettes Stromsystem kostet. Windräder produzieren eben nicht auf Bestellung und Solaranlagen entwickeln um Mitternacht eine gewisse Arbeitsscheu.
Man braucht also zusätzlich Netze, Speicher, flexible Verbraucher und Reservekraftwerke.
Das ist richtig.
Aber daraus folgt nicht, dass Wind und Sonne teuer wären.
Es folgt daraus lediglich, dass ein Stromsystem mehr benötigt als Kraftwerke.
Und was passiert, wenn mehr Erneuerbare im Netz sind?
Hier wird es besonders interessant.
Die Europäische Kommission hat im Frühjahr 2026 untersucht, wie sich der wachsende Anteil von Wind- und Solarstrom auf die europäischen Strommärkte ausgewirkt hat.
Ihre Aussage ist bemerkenswert eindeutig:
Der steigende Anteil erneuerbarer Stromerzeugung hat die Großhandelspreise für Strom gesenkt.
Der Grund dafür ist die Merit Order.
Wind- und Solaranlagen haben sehr geringe variable Kosten. Ist genügend erneuerbarer Strom verfügbar, verdrängt er teurere Kraftwerke aus dem Markt. Dadurch wird immer häufiger ein günstigerer Erzeuger zum preisbestimmenden Kraftwerk.
2020 bestimmten fossile Kraftwerke nach Angaben der EU-Kommission noch in ungefähr 70 Prozent der Stunden den europäischen Strompreis.
2025 waren es nur noch rund 50 Prozent.
Gas erzeugte 2025 lediglich etwa 17,6 Prozent des Stroms in der EU, war aber trotzdem noch häufig preisbestimmend. Genau darin liegt das Problem: Ein Kraftstoff kann einen relativ kleinen Anteil an der Stromerzeugung haben und trotzdem in vielen Stunden den Preis für den gesamten Markt setzen.
Quelle: Europäische Kommission – EU energy markets: evolving gas-electricity price linkages
Oder etwas weniger volkswirtschaftlich formuliert:
Je häufiger wir ohne Gas auskommen, desto seltener darf der Gaspreis bestimmen, was der gesamte Strommarkt kostet.
Das klingt eigentlich nach einem ziemlich brauchbaren Konzept zur Senkung von Strompreisen.
Warum ein bisschen Gas so viel ausrichten kann
Der europäische Strommarkt funktioniert nach dem sogenannten Grenzkostenprinzip.
Die Kraftwerke bieten ihren Strom entsprechend ihrer kurzfristigen Erzeugungskosten an. Die günstigsten Anlagen kommen zuerst zum Zug. Das letzte Kraftwerk, das noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken, bestimmt den Marktpreis.
Und dieses letzte Kraftwerk ist häufig ein Gaskraftwerk.
Die Bundesregierung erklärt den Zusammenhang selbst ausgesprochen anschaulich:
Steigt der Gaspreis und werden Gaskraftwerke benötigt, weil nicht ausreichend Strom aus Erneuerbaren zur Verfügung steht, steigen auch die Strompreise.
Quelle: Bundesregierung – Fragen und Antworten zur Energieversorgung
Das ist wichtig, denn es bedeutet:
Ein höherer Anteil erneuerbarer Energien reduziert nicht nur den Verbrauch fossiler Brennstoffe. Er reduziert auch die Zahl der Stunden, in denen deren Preis den Strommarkt beherrscht.
Genau das beobachtet auch die EU-Kommission.
Man kann die Merit Order für sinnvoll oder reformbedürftig halten.
Solange wir sie haben, bleibt aber ein Sachverhalt bestehen:
Wenn Gas teuer ist und ein Gaskraftwerk gebraucht wird, kann Gas den gesamten Strompreis nach oben ziehen.
So will es der Markt.
Und Deutschland produziert schon überwiegend erneuerbar
Von einem experimentellen Nischenprojekt kann inzwischen ebenfalls keine Rede mehr sein.
2025 wurden in Deutschland 437,6 Terawattstunden Strom für das öffentliche Netz erzeugt.
Davon kamen 257,5 TWh aus erneuerbaren Energien.
Das entspricht 58,8 Prozent.
Allein Windkraft an Land lieferte 106,5 TWh, Photovoltaik 74,1 TWh.
Erdgas kam dagegen auf 60,6 TWh oder 13,8 Prozent der Stromerzeugung.
Quelle: Bundesnetzagentur – Stromerzeugung und Stromverbrauch
Deutschland erzeugt also längst den größten Teil seines Stroms erneuerbar.
Die interessante Aufgabe besteht nicht darin, diese Entwicklung wieder zurückzudrehen.
Sie besteht darin, aus knapp 60 Prozent irgendwann 70, 80 und 90 Prozent zu machen – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Strom dort ankommt und dann verfügbar ist, wenn er gebraucht wird.
Das ist kompliziert.
Aber Kompliziertheit ist noch kein Gegenargument.
„Aber was ist mit den Netzkosten?“
Ein gern vorgebrachtes Argument lautet, dass Wind- und Solarstrom zwar billig erzeugt werden, anschließend aber enorme Kosten für den Netzausbau entstehen.
Das stimmt zunächst einmal.
Wenn große Mengen Windstrom im Norden entstehen und die Verbraucherzentren hunderte Kilometer entfernt liegen, braucht man Leitungen.
Das hätte man vielleicht schon wissen können, bevor man die Windräder gebaut hat.
Aber auch hier lohnt sich die Frage nach Ursache und Wirkung.
2025 entstanden durch das sogenannte Netzengpassmanagement Kosten von rund 3,07 Milliarden Euro. Dabei werden Anlagen vor einem Netzengpass heruntergeregelt und andere Anlagen hinter dem Engpass hochgefahren.
Quelle: Bundesnetzagentur – Maßnahmenvolumen im Gesamtjahr stabil
Drei Milliarden Euro sind viel Geld.
Es sind allerdings nicht – wie gelegentlich der Eindruck entsteht – drei Milliarden Euro dafür, Windräder abzuschalten.
Zu den Kosten gehören unter anderem Eingriffe in konventionelle Kraftwerke, Reservekraftwerke, Börsengeschäfte und Entschädigungen für abgeregelte erneuerbare Anlagen.
Und trotz aller Engpässe konnten 2025 mehr als 96 Prozent der erneuerbaren Erzeugung zu den Verbrauchern transportiert werden.
Quelle: Bundesnetzagentur – Maßnahmenvolumen im Gesamtjahr stabil
Das deutsche Stromnetz ist also nicht permanent damit beschäftigt, Windräder gegen Bezahlung anzuhalten.
Die erstaunliche Lösung für fehlende Stromleitungen
Noch interessanter wird es bei der Entwicklung dieser Kosten.
Für den Winter 2025/26 erwartete die Bundesnetzagentur einen Redispatchbedarf von rund 17 TWh.
In der vorhergehenden Analyse waren es noch etwa 25 TWh gewesen.
Das sind ungefähr 30 Prozent weniger.
Und die Bundesnetzagentur nennt als einen wesentlichen Grund ausdrücklich:
den Fortschritt beim Netzausbau.
Quelle: Bundesnetzagentur – Netzreserve für den Winter 2025/2026
Man hat also ein Stromnetzproblem.
Man baut das Stromnetz aus.
Das Stromnetzproblem wird kleiner.
Mitunter ist Energiewirtschaft geradezu erschreckend konventionell.
Die daraus abzuleitende Strategie wäre deshalb eigentlich ziemlich offensichtlich:
Nicht weniger erneuerbaren Strom produzieren, sondern endlich die Infrastruktur bauen, mit der wir ihn sinnvoll nutzen können.
Negative Strompreise sind kein Beweis für eine gescheiterte Energiewende
2025 gab es in Deutschland 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen.
Das wird gerne als Beleg dafür genommen, dass wir inzwischen viel zu viele Windräder und Solaranlagen hätten.
Man kann es allerdings auch genau andersherum betrachten.
Ein negativer Strompreis bedeutet zunächst:
In diesem Moment gibt es sehr viel Strom und zu wenig Nachfrage oder Speichermöglichkeit dafür.
Das Problem ist also nicht, dass die Energie teuer wäre.
Das Problem ist, dass sie gerade so reichlich vorhanden ist, dass niemand mehr weiß, wohin damit.
Quelle: Bundesnetzagentur – Stromerzeugung und Stromverbrauch
Das ist kein Argument gegen günstige Stromerzeugung.
Es ist ein Argument für Speicher, flexible Verbraucher, intelligente Tarife, Elektrolyseure, Wärmespeicher und bessere Netze.
Wenn mittags Solarstrom im Überfluss vorhanden ist und abends Gas verbrannt werden muss, lautet die technisch interessante Frage nämlich nicht:
Wie verhindern wir, dass mittags so viel billiger Strom entsteht?
Sondern:
Wie bekommen wir möglichst viel davon bis zum Abend?
Speicher verändern die Rechnung
Auch deshalb ist der reine Blick auf Wind- und Solarleistung zunehmend veraltet.
Batteriespeicher werden ein immer wichtigerer Teil des Systems. Sie können Strom aufnehmen, wenn er billig oder im Überfluss vorhanden ist, und wieder abgeben, wenn die Nachfrage steigt.
Fraunhofer kommt bereits in seiner 2024 veröffentlichten Kostenstudie zu dem Ergebnis, dass Kombinationen aus Photovoltaik und Batteriespeichern teilweise günstiger Strom erzeugen können als konventionelle Kraftwerke.
Quelle: Fraunhofer ISE – Photovoltaik mit Batteriespeicher günstiger als konventionelle Kraftwerke
Die interessante Entwicklung der nächsten Jahre besteht deshalb nicht darin, Wind und Sonne durch Gas zu ersetzen.
Sondern darin, immer größere Teile ihrer schwankenden Produktion zeitlich verschiebbar zu machen.
Jede Kilowattstunde Solarstrom, die am Mittag gespeichert und am Abend genutzt werden kann, ist eine Kilowattstunde, für die dann kein Gaskraftwerk anspringen muss.
Und damit möglicherweise auch eine Stunde weniger, in der Gas den Strompreis bestimmt.
Dann brauchen wir also überhaupt keine Gaskraftwerke mehr?
Doch.
Und genau an dieser Stelle sollte man die Diskussion nicht unnötig verdummen.
Ein Stromsystem muss auch dann funktionieren, wenn mehrere Tage wenig Wind weht, die Sonne kaum scheint, Speicher leer werden und gleichzeitig der Verbrauch hoch ist.
Dafür braucht Deutschland gesicherte Leistung.
Kurz- und mittelfristig können Gaskraftwerke einen Teil dieser Aufgabe übernehmen.
Auch Fraunhofer geht davon aus, dass in einem Stromsystem mit sehr hohem Erneuerbarenanteil flexibel regelbare Backup-Kraftwerke benötigt werden. Der entscheidende Punkt ist allerdings:
Ihr Betrieb soll auf das Nötigste beschränkt bleiben.
Quelle: Fraunhofer ISE – Stromgestehungskosten erneuerbare Energien
Und genau dort gehört Gas meiner Ansicht nach hin.
Nicht als tragende Säule billiger Stromerzeugung.
Sondern als teure Versicherung für die Stunden, in denen günstigere Möglichkeiten nicht ausreichen.
Das ist ein ziemlich fundamentaler Unterschied.
Gaskraftwerke kann man brauchen – Gasstrom muss man trotzdem vermeiden
Man muss zwischen Leistung und Arbeit unterscheiden.
Ein Gaskraftwerk mit einer Leistung von einem Gigawatt kann bereitstehen, ohne das ganze Jahr ein Gigawatt Strom zu produzieren.
Sein Wert besteht dann darin, im richtigen Moment verfügbar zu sein.
Deshalb ist die Aussage
Deutschland braucht möglicherweise zusätzliche flexible Gaskraftwerke.
durchaus vertretbar.
Die Aussage
Mehr Gas macht unseren Strom dauerhaft günstiger.
ist etwas völlig anderes.
Denn sobald das Kraftwerk tatsächlich Strom produziert, braucht es Brennstoff.
Und den besitzt Deutschland nun einmal nicht in nennenswerten Mengen selbst.
Die Rechnung geht ins Ausland
Deutschland importiert fossile Brennstoffe seit Jahrzehnten für gewaltige Summen.
Nach Berechnungen der KfW betrug der Wert der deutschen Importe fossiler Brennstoffe seit 2008 im Durchschnitt rund 81 Milliarden Euro pro Jahr.
Das sind beinahe 1.000 Euro je Einwohner und Jahr.
Die KfW nennt den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Elektrifizierung ausdrücklich als Möglichkeit, diese Abhängigkeit zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
Quelle: KfW Research – Energie und Umwelt
2025 zahlte Deutschland nach KfW-Berechnungen allein für Öl und Gas rund 70 Milliarden Euro an ausländische Lieferanten.
Für 2026 rechnete die KfW im Frühjahr infolge gestiegener Weltmarktpreise mit mehr als 90 Milliarden Euro.
Quelle: KfW – Volkswirtschaft Kompakt, Prognose Deutschland
Diese Zahlen darf man nicht mit den Kosten des Stromsystems gleichsetzen – Öl wird schließlich überwiegend nicht verstromt.
Aber sie zeigen etwas anderes sehr deutlich:
Fossile Energie besitzt eine Rechnung, die Deutschland jedes Jahr erneut bezahlen muss.
Bei einer Windkraftanlage liegen die wesentlichen Kosten beim Bau, bei Finanzierung, Wartung und Netzanschluss.
Danach kommt kein Frachter aus Katar vorbei und verlangt Geld dafür, dass es weiter windet.
Energieunabhängigkeit ist inzwischen auch Wirtschaftspolitik
Spätestens seit 2022 sollte außerdem klar sein, dass fossile Importabhängigkeit nicht nur eine Klimafrage ist.
Gaspreise hängen davon ab, was auf globalen Märkten passiert.
Von LNG-Nachfrage in Asien.
Von Fördermengen.
Von Pipelines.
Von Kriegen.
Von Tankerrouten.
Von politischen Entscheidungen in Ländern, auf die Deutschland ungefähr so viel Einfluss hat wie auf die Wetterlage kommenden Februar.
Die EU-Kommission weist ausdrücklich darauf hin, dass globale Gaspreisschocks weiterhin direkt auf die europäischen Strompreise durchschlagen können. Die zunehmende erneuerbare Erzeugung schwächt genau diese Verbindung.
Quelle: Europäische Kommission – EU energy markets: evolving gas-electricity price linkages
Mehr heimischer Wind- und Solarstrom ist deshalb nicht nur Klimapolitik.
Es ist auch ein Stück Preis- und Versorgungssicherheit – und erhöht die Resilienz des Energiesystems. Viele dezentrale Wind- und Solarstromanlagen sind im Verteidigungsfall robuster als wenige zentrale Großkraftwerke, deren Ausfall große Teile der Versorgung treffen kann.
Und Reiches Kritik an der bisherigen Energiewende?
Katherina Reiche hat mit einem Punkt durchaus recht:
Erzeugung, Netze, Speicher, Verbrauch und gesicherte Leistung müssen als gemeinsames System geplant werden.
Man hätte das früher konsequenter tun sollen.
Die Antwort darauf lautet allerdings nicht, den Ausbau der billigsten Erzeugungstechnologien auszubremsen.
Sondern Netze, Speicher und Flexibilität endlich in vergleichbarem Tempo auszubauen.
Reiche selbst sagt übrigens ausdrücklich, die Antwort sei nicht „weniger Erneuerbare“.
Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – Zitat von Katherina Reiche zu Strompreisen
Dann sollte die Konsequenz daraus auch sein:
Erneuerbare nicht zum Problem erklären, weil die zugehörige Infrastruktur zu langsam gebaut wurde.
Wenn die Straße zum neuen Industriegebiet zu klein dimensioniert wurde, löst man das schließlich auch nicht, indem man die Fabriken wieder abreißt.
Das eigentliche Strompreisprogramm liegt ziemlich offen vor uns
Wenn das Ziel langfristig günstiger Strom ist, spricht erstaunlich viel für eine ziemlich unspektakuläre Strategie:
Wind und Solar weiter massiv ausbauen.
Nicht irgendwo und irgendwie, sondern abgestimmt mit den Netzen.
Netzausbau beschleunigen.
Denn vorhandener Strom, der wegen eines Engpasses nicht transportiert werden kann, nützt wenig.
Speicher massiv ausbauen.
Damit billiger Strom nicht genau in dem Moment wertlos wird, in dem besonders viel davon vorhanden ist.
Verbrauch flexibler machen.
Elektroautos, Wärmepumpen, Industrieanlagen und Elektrolyseure müssen nicht zwangsläufig in der teuersten Stunde des Tages laufen.
Europa besser vernetzen.
Weil Wetter nicht überall gleichzeitig dasselbe macht.
Und schließlich:
Genügend steuerbare Leistung vorhalten, um die verbleibenden Lücken zu schließen.
Solange wir dafür Gas brauchen, brauchen wir eben Gas.
Aber möglichst selten.
Die eigentliche Frage wird falsch herum gestellt
Die politische Debatte klingt häufig, als müsse Deutschland zwischen zwei Modellen wählen:
Entweder zuverlässige konventionelle Kraftwerke.
Oder unzuverlässige erneuerbare Energien samt gigantischem Netz- und Speicheraufwand.
Das ist ein falscher Gegensatz.
Die wirtschaftlich interessante Konstruktion lautet:
möglichst viel Strom aus den günstigsten heimischen Quellen erzeugen und die teure steuerbare Erzeugung nur noch für die verbleibenden Lücken einsetzen.
Und die günstigsten neuen Stromquellen heißen derzeit nun einmal Wind und Photovoltaik.
Quelle: Fraunhofer ISE – Stromgestehungskosten erneuerbare Energien
Das Netz muss dafür umgebaut werden.
Wir brauchen Speicher.
Wir brauchen Reservekraftwerke.
Wir werden Fehlentscheidungen treffen und Milliarden an der einen oder anderen Stelle nicht besonders elegant ausgeben.
All das kann man kritisieren.
Aber daraus abzuleiten, wir sollten weniger von der Energie erzeugen, deren Brennstoffkosten bei exakt null Euro liegen, und stattdessen stärker auf importiertes Gas setzen, ist eine merkwürdige Art der Kostenoptimierung.
Mehr Gaskraftwerke gegen teuren Strom?
Als Reserve?
Kann sinnvoll sein.
Als Übergangstechnologie?
Vermutlich an einigen Stellen notwendig.
Als Argument dafür, den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen?
Nein.
Und als langfristige Strategie für billigen Strom?
Erst recht nicht.
Denn die Daten zeigen ziemlich deutlich in die andere Richtung:
Je mehr erneuerbarer Strom verfügbar ist, desto häufiger werden teure fossile Kraftwerke aus dem Markt gedrängt. Die EU-Kommission beobachtet bereits sinkende Großhandelspreise durch wachsende erneuerbare Erzeugung. Wind und Solar gehören laut Fraunhofer zu den günstigsten neuen Kraftwerkstechnologien Deutschlands. Und jeder vermiedene Kubikmeter Gas reduziert zugleich unsere Abhängigkeit von einem Weltmarkt, dessen Preise wir nicht kontrollieren können.
Die Energiewende hat Probleme.
Sie braucht bessere Netze, mehr Speicher und eine vernünftigere Planung.
Das sind Gründe, sie besser zu machen.
Nicht Gründe, sie abzubrechen.
Denn am Ende ist die entscheidende Frage gar nicht, ob Deutschland noch einige Gaskraftwerke benötigt.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie schaffen wir es, dass wir sie möglichst selten einschalten müssen?
Und darauf gibt es bereits eine ziemlich offensichtliche Antwort:
Mehr Erneuerbare. Mehr Speicher. Mehr Netze. Weniger Gas.
So einfach ist es nicht.
Aber die Richtung ist ziemlich eindeutig.