Wir sind die Generation, die bis zum Tod das WLAN reparieren muss
Ich bin Jahrgang 1979. Mal unter uns: Ich glaube, wir sind die Generation, die diesen Job nicht mehr loswird.
Damit gehöre ich zu einer Generation, die eine ganz besondere Aufgabe übernommen hat, ohne dass sie jemals darüber abgestimmt hätte:
Wir richten die Technik ein. Für alle.
Für unsere Eltern sowieso. Das ist seit Jahrzehnten praktisch Naturgesetz. Weihnachten, 17:42 Uhr. Der Braten ist im Ofen, die ersten Geschenke liegen unter dem Baum und irgendwo aus dem Wohnzimmer kommt dieser Satz:
„Du kennst dich doch mit Computern aus.“
Und damit ist der Abend gelaufen.
Plötzlich sitzt man vor dem Router der Eltern und versucht herauszufinden, warum das WLAN „schon wieder nicht geht“. Oder man richtet das neue Handy ein, verbindet das Tablet mit dem Drucker, erklärt das Onlinebanking, sucht das WLAN-Passwort oder erläutert zum siebzehnten Mal den Unterschied zwischen WLAN und Internet. Irgendwo gibt es natürlich auch noch dieses eine wichtige Passwort, das garantiert „auf einem Zettel“ steht. Wo genau dieser Zettel liegt, weiß niemand.
IT-Support für die Familie gehört zur Generationenpflicht. So will es das Gesetz.
Wir mussten den Kram verstehen
Dass unsere Eltern mit vielem davon Schwierigkeiten haben, ist weder überraschend noch besonders bemerkenswert. Sie sind nicht mit Computern aufgewachsen. Wir dagegen schon – allerdings mit Computern, die einen noch ziemlich nachdrücklich dazu zwangen, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Ein Computer war nicht einfach ein Gerät, auf dem man eine App öffnete. Ein Computer war ein Gerät, mit dem man regelmäßig verhandelte. Und während dieser Verhandlungen warf einem die Kiste zuverlässig Fragen vor die Füße:
- Warum gibt die Soundkarte keinen Ton von sich?
- Welcher Treiber fehlt?
- Warum ist der Drucker plötzlich nicht mehr da?
- Was bedeutet IRQ 5?
- Was macht eigentlich diese
AUTOEXEC.BAT? - Warum sieht Rechner A Rechner B im Netzwerk nicht?
- Welche IP-Adresse hat das Ding?
- Warum verbindet sich das Modem nicht?
- Und was zum Teufel macht Windows diesmal?
Wir mussten deshalb nicht zwangsläufig Informatik studieren. Aber wir mussten uns zumindest ein ungefähres Bild davon machen, was da eigentlich passiert.
Wir haben erlebt, wie Computer in die Haushalte kamen, Modems anfingen zu kreischen und aus einzelnen PCs plötzlich Netzwerke wurden. Wir haben gesehen, wie das Internet vom exotischen Hobby zum Alltag wurde, WLAN auftauchte, Smartphones kamen und immer mehr Dienste in irgendeine Cloud wanderten.
Natürlich haben wir diese Technologien nicht erfunden. Aber wir haben sehr viele davon in dem Moment kennengelernt, in dem sie entstanden oder alltäglich wurden. Und weil sie damals noch nicht so elegant funktionierten wie heute, musste man sich zwangsläufig ein bisschen mit ihnen beschäftigen.
Kein Problem. Die nächste Generation wächst ja damit auf.
Lange konnte man sich deshalb entspannen. Unsere Eltern brauchen Hilfe, wir helfen ihnen. Unsere Kinder dagegen wachsen komplett digital auf. Die werden das später alles beherrschen.
Schließlich sind das die berühmten Digital Natives. Menschen, die schon mit drei Jahren auf einem Tablet herumwischen und mit zwölf Dinge auf ihrem Smartphone machen, für die ich erst einmal Google bemühen müsste.
Problem gelöst.
Dachte man.
Denn irgendwo haben wir offenbar einen kleinen Denkfehler eingebaut: Mit digitalen Geräten aufwachsen bedeutet nicht automatisch, digitale Technik zu verstehen. Im Gegenteil. Die Technik ist inzwischen so gut geworden, dass man sie überhaupt nicht mehr verstehen muss.
Datei? Ist auf dem Handy.
Früher musste man zumindest ungefähr wissen, wo eine Datei lag. Auf einer Diskette, auf der Festplatte, in einem bestimmten Verzeichnis oder irgendwann auf einem Netzlaufwerk.
Heute könnte ein Gespräch ungefähr so aussehen:
„Wo liegt die Datei?“
„Auf meinem Handy.“
„Lokal auf dem Gerät oder in der Cloud?“
„Auf dem Handy.“
„Und wenn du das Handy ausschaltest, kannst du vom Tablet trotzdem darauf zugreifen?“
„Ja.“
„Dann liegt sie offenbar nicht nur auf dem Handy.“
„Hä?“
Bevor das jetzt nach klassischem „Die Jugend von heute!“-Genörgel klingt: Das ist keine Frage von Dummheit. Die heutige Technik will ausdrücklich so funktionieren. Sie soll ihre Komplexität verstecken. Das ist ein Qualitätsmerkmal und grundsätzlich eine sehr gute Entwicklung.
Niemand muss einen CAN-Bus verstehen
Beim Auto verlangt schließlich auch niemand, dass jeder Fahrer einen CAN-Bus analysieren, Einspritzkennfelder erklären oder ein Motorsteuergerät programmieren kann. Das wäre absurd. Ein Mensch sollte ein Auto benutzen können, ohne Fahrzeugtechnik studiert zu haben.
Trotzdem erwarten wir ein gewisses Grundverständnis. Man darf ungefähr wissen, dass im Tank Kraftstoff steckt, dieser Kraftstoff im Motor verbrannt wird, die Verbrennung Druck erzeugt, dadurch Kolben bewegt werden und diese Bewegung am Ende irgendwie an den Rädern ankommt. Und dass hinten Abgase herauskommen, weil vorne nicht auf wundersame Weise Mobilität entstanden ist.
Man muss kein Motorenentwickler sein. Aber ein ungefähres Modell dessen, was passiert, wäre nicht völlig abwegig.
Übertragen wir manches heutige IT-Verständnis auf das Auto, sähe das eher so aus:
„Warum fährt das Auto?“
„Keine Ahnung. Ich drücke da auf Start.“
„Was passiert dann?“
„Keine Ahnung.“
„Was ist ein Motor?“
„Papa.“
Dafür lässt sich Spotify hervorragend koppeln und die Innenraumbeleuchtung per App auf „Sunset Purple“ stellen.
Man muss nicht wissen, WIE es funktioniert. Aber ungefähr, WAS passiert.
Genau das ist der Punkt. Niemand muss wissen, wie ein WLAN-Handshake technisch funktioniert. Niemand muss TLS erklären können oder DNS, NAT, MQTT und irgendwelche anderen Kürzel herunterbeten.
Aber ein paar grobe Zusammenhänge wären vielleicht ganz hilfreich:
- WLAN ist nicht das Internet.
- Eine App ist nicht der Dienst.
- Die Cloud ist kein mystischer Ort irgendwo über uns.
- Eine Datei muss irgendwo gespeichert sein.
- Wenn ein Gerät Daten überträgt, gibt es irgendwo einen Empfänger.
Das ist keine Informatik. Das ist ungefähr die technische Wissensstufe von: „Im Auto wird Benzin verbrannt.“
Der Saugroboter aus der Cloud
Besonders schön wird es bei moderner Haushaltstechnik. Nehmen wir einen Saugroboter. Früher hätte man sich vermutlich zumindest gefragt, wie das Ding gesteuert wird. Heute sieht die Installation ungefähr so aus:
- Gerät auspacken.
- App installieren.
- QR-Code scannen.
- WLAN-Passwort eingeben.
- Fünfmal „Weiter“ drücken.
- Zugriff auf Standort, Bluetooth, Netzwerk, Kamera, Erstgeborenen und Leberwerte genehmigen.
- Fertig.
Der Roboter fährt. Alles prima.
Aber was passiert da eigentlich?
- Spricht mein Handy direkt mit dem Saugroboter?
- Bleibt der Wohnungsplan in meinem eigenen WLAN?
- Wird er auf irgendeinen Server hochgeladen?
- Wo steht dieser Server?
- Warum braucht mein Staubsauger überhaupt Internet?
- Muss wirklich ein Server auf einem anderen Kontinent erreichbar sein, damit das Ding vom Wohnzimmer in die Küche fährt?
- Und wenn der Hersteller morgen seinen Cloud-Dienst einstellt: Besitze ich dann noch einen Saugroboter oder einen sehr flachen Blumentopf mit Lidar?
Die interessante Frage ist gar nicht, ob man all diese Details kennen muss. Natürlich nicht. Interessant ist, dass viele Menschen sie nicht nur nicht kennen, sondern sich nicht einmal dafür interessieren.
Es funktioniert. Also weiter.
Die Lampe muss kurz ins Internet
Dasselbe bei Smart-Home-Geräten. Lampe kaufen, App herunterladen, Account erstellen, Cloud-Dienst akzeptieren, QR-Code scannen, fertig.
Und niemand fragt: Warum braucht meine verdammte Wohnzimmerlampe eigentlich ein Benutzerkonto?
Wir haben das Internet einmal erfunden, damit Computer miteinander kommunizieren können. Heute braucht offenbar die Nachttischlampe einen Account irgendwo im Internet, damit sie ausgeht. Und wenn der Hersteller pleitegeht, ist das Licht zwar technisch noch völlig funktionsfähig, aber leider kann sich die Glühbirne nicht mehr anmelden.
Fortschritt!
Und dann reparieren wir eben auch das WLAN unserer Kinder
Das führt zu einem Gedanken, den ich zunehmend beunruhigend und gleichzeitig ziemlich komisch finde. Wir gingen immer davon aus, dass unsere Generation die Technik für die Älteren erklärt. Irgendwann sind die Älteren weg, und dann hat sich das Problem erledigt.
Aber was, wenn wir irgendwann feststellen:
Wir erklären die Technik inzwischen in beide Richtungen?
Unsere Eltern fragen uns: „Warum geht das WLAN nicht?“ Und irgendwann fragen unsere Kinder ebenfalls: „Warum geht das WLAN nicht?“
Der Unterschied ist möglicherweise nur:
Unsere Eltern wissen wenigstens, dass sie keine Ahnung davon haben.
Die Generation danach kann gleichzeitig ein Video schneiden, drei Social-Media-Plattformen bedienen, einen Livestream starten und mit fünfzig Menschen gleichzeitig kommunizieren. Aber wehe, irgendwo steht plötzlich:
IP-Adresse konnte nicht bezogen werden.
Dann wird es still.
„Papa?“
Und genau in diesem Moment wird mir langsam klar: Das hört nie auf.
Mit 25 habe ich meinen Eltern den Computer eingerichtet. Mit 35 das Smartphone. Mit Mitte 40 repariere ich das WLAN. Mit 65 werde ich vermutlich den Enkelkindern erklären, warum deren holografischer KI-Toaster keine Verbindung zum Frühstücksserver bekommt.
Und mit 83 klingelt dann irgendein Nachkomme an:
„Opa, die Lampe geht nicht.“
Vielleicht waren wir einfach ein historischer Unfall
Natürlich ist die These, unsere Generation sei die einzige, die IT versteht, völliger Unsinn. Vor uns gab es hervorragende Informatiker, nach uns wird es hervorragende Informatiker geben. Auch heute programmieren Jugendliche, bauen Elektronik, verstehen Netzwerke und beschäftigen sich intensiv mit technischen Systemen.
Darum geht es nicht. Die interessantere Frage lautet: Vielleicht waren wir die einzige Generation, die Technik in großer Zahl zumindest ein bisschen verstehen musste, um sie überhaupt benutzen zu können.
Unsere Eltern mussten sich nicht mehr zwingend damit beschäftigen. Unsere Kinder müssen es nicht mehr. Wir lagen genau dazwischen: Die Technik war schon überall, aber noch nicht gut genug, um ihre eigene Komplexität vollständig vor uns zu verstecken.
Vielleicht war das tatsächlich nur ein kurzes historisches Fenster.
Ist das eigentlich schlimm?
Vermutlich nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Dass Technik einfach funktioniert, ist Fortschritt. Ein Benutzerinterface ist gut, wenn man kein Handbuch braucht. Ein Netzwerk ist gut, wenn man nicht erst IP-Adressen auf Papier notieren muss. Ein Smartphone ist gut, wenn man keine Treiber installieren muss.
Technik sollte Menschen dienen und sie nicht permanent mit ihrer internen Funktionsweise belästigen.
Aber vielleicht gibt es eine Kehrseite. Je besser Technik ihre Komplexität versteckt, desto weniger Menschen entwickeln überhaupt noch ein Gefühl dafür, was hinter der Oberfläche passiert. Vielleicht wird tiefes technisches Verständnis dadurch wieder das, was es ganz am Anfang einmal war: eine Spezialfähigkeit weniger Nerds.
Auch das muss nicht schlecht sein. Ich muss schließlich keine Turbine konstruieren können, nur weil ich in ein Flugzeug steige. Aber eine Gesellschaft, deren Kommunikation, Wirtschaft, Verwaltung, Unterhaltung und zunehmend auch Infrastruktur vollständig von IT abhängen, sollte vielleicht noch genügend Menschen hervorbringen, die gelegentlich ein paar simple Fragen stellen:
- Was macht das Ding eigentlich?
- Wo gehen die Daten hin?
- Wer kontrolliert das?
- Was passiert, wenn der Hersteller verschwindet?
- Warum braucht diese Funktion überhaupt eine Cloud?
- Und könnte man das vielleicht auch so bauen, dass meine Lampe nicht erst irgendwo auf der Welt um Erlaubnis bitten muss, bevor sie leuchtet?
Vielleicht waren wir also tatsächlich ein Sonderfall. Nicht die einzige Generation, die Technik versteht. Aber womöglich die einzige, die in großer Zahl Technik verstehen musste, nur um sie benutzen zu können.
Und vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn ein kleines bisschen dieser Neugier erhalten bliebe.
Gernot-Hassknecht-Modus: AN
UND TROTZDEM KÖNNTET IHR EUCH VERDAMMT NOCH MAL FÜNF MINUTEN DAFÜR INTERESSIEREN, WAS DER GANZE SCHEISS EIGENTLICH MACHT!
DREI STUNDEN TIKTOK AM TAG! Das Smartphone bedienen wie ein verdammter Kampfjetpilot, aber wenn die neue Lampe fragt, ob sie Zugriff aufs Internet haben darf: „Keine Ahnung, hab einfach Weiter gedrückt.“
JA NATÜRLICH! DIE LAMPE MUSS DRINGEND INS INTERNET! SONST KANN SIE NICHT LEUCHTEN! DIE MUSS ERST MAL NACH GUANGZHOU TELEFONIEREN UND FRAGEN, OB BEI DIR IM WOHNZIMMER LICHT SEIN DARF!
Ihr müsst ja keinen CAN-Bus analysieren! Ihr müsst keinen Kernel programmieren! Ihr müsst nicht wissen, wie TLS funktioniert!
ABER WENN IHR EIN AUTO FAHRT, SOLLTET IHR VIELLEICHT WISSEN, DASS DA VORNE NICHT DREI KOBOLDE SITZEN UND DIE RÄDER DREHEN!
Und wenn ihr ein Gerät kauft, das eure Wohnung vermisst, permanent im WLAN hängt und seine Daten irgendwohin schickt, dann könnte man vielleicht – nur so als vollkommen verwegene Idee – einmal fragen:
WOHIN EIGENTLICH?
Aber nein. QR-Code. Weiter. Weiter. Akzeptieren. Alle Berechtigungen erlauben. Fertig.
Und wenn die Hersteller-App in zehn Jahren eingestellt wird: „Papa, meine Lampe geht nicht mehr.“
ICH BIN DANN 83! LASST MICH ENDLICH IN RUHE!